[Gast-Artikel] “Autoren lesen anders”, Alexander Bálly

Man soll bei seinen Behauptungen stets vorsichtig sein. Darum will ich ein einschränkendes „fast“ meiner ersten Aussage voranstellen:

Fast alle Autoren sind begeisterte Leser!

Natürlich! Natürlich sind sie begeisterte Leser, denn würden sie nicht Bücher, Literatur und Geschichten lieben, wären sie kaum je auf den Gedanken gekommen, auch selbst einmal eine Geschichte zu verfassen.

Auch ich lese noch immer. Nicht mehr so viel wie früher, doch noch immer begeistert. Seit ich schreibe, habe ich aber festgestellt, dass ich anders lese. Das Schreiben hat mir einen neuen Blickwinkel eröffnet, den ich vorher nicht kannte.

Ich will niemanden herabsetzen. Autoren sind weder bessere Leser, noch ist der Blick des Schreibenden ein Ersatz für ein Literaturstudium. Ein Autor ist auch nicht automatisch ein besserer Kritiker oder ein kompetenter Feuilletonist. Nichts von all dem. Ein Feuilletonist ist ja umgekehrt auch nicht automatisch ein guter Autor – ebenso wenig wie er ein guter Kritiker, Germanist oder besserer kompetenterer Leser ist.

Dennoch behaupte ich: Autoren lesen anders. Mit einem zusätzlichen Blickwinkel auf ein Werk. Sie können einer Geschichte sozusagen unter den Rock gucken. Weiterlesen

[Rezension] “Fortunas Rache” ~ Maria W. Peter

Alle einschlägigen Philosophen sind sich in dem Punkt einig, dass das Fatum, unser aller Schicksal, manche Menschen dazu auserkoren hat, meist auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, während andere dazu bestimmt sind, immer wieder in wichtigen Dingen zu versagen.
Natürlich kann ich nicht nachweisen, ob diese Aussage tatsächlich auf alle Menschen zutrifft. Wenn ich mich jedoch selbst betrachte, könnte da durchaus was dran sein. Mein Fatum zumindest scheint sich gerade wieder bemüßigt zu fühlen, mich daran zu erinnern, unter welchem Stern ich gemeinhin stehe und dass ich meist selbst ganz kräftig an diesem zweifelhaften Glück geschmiedet habe. Und bisweilen trifft mich diese Erkenntnis wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
“Dacht ich’s mir doch!”
Bevor ich die Bedeutung dieser Worte verstehen konnte, packte mich eine Hand am Arm und riß mich herum.

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[Rezension] “Bronzeschatten”, von Lindsey Davis

Wenn die Guten gesiegt haben, die Bösen ihre gerechte Strafe erhalten haben und das Römische Reich vor Chaos und Anarchie bewahrt wurde, gehen Senatoren und Prätorianer befriedigt nach Hause… Doch dann beginnt die eigentliche Arbeit hinter den Kulissen.
Zum Beispiel die Entsorgung der Überreste: eine Leiche, die es gar nicht geben darf, weil Verschwörungen gegen den Kaiser natürlich nicht vorkommen.
Seit Tagen wartet sie in Roms Augusthitze auf eine endgültige Ruhestätte – also eine sehr dreckige Angelegenheit.
Das ruft geradezu nach einem diskreten Mann, der zuverlässig und verschwiegen ist, und so dringend Geld braucht, dass er jeden Job annimmt. Eine verkrachte Existenz – jemand wie Marcus Didius Falco.
Und die Entsorgung der Leiche ist erst der Anfang; zwar fiel der Vorhang hinter der abgewendeten Verschwörung, doch hinter den Kulissen geht das Spiel erst richtig los. Weiterlesen

[Rezension] “Die Totenleserin”, Ariana Franklin

Cambridge, 1170: Grausame Kindermorde erschüttern das Land.
Auch King Henry widmet der Angelegenheit größte Aufmerksamkeit, denn die aufgebrachten Bürger der Stadt haben die Juden als Übeltäter ausgemacht. Aus Angst vor dem Lynchmob flüchteten sie sich in Cambridges Burg, was für den König große finanzielle Einbussen bedeutet. Denn die Toleranz der englischen Krone hat vor allem einen handfesten wirtschaftlichen Grund. Das Geld, dass die Bürger den Juden schulden, schulden sie auf Umwegen so dem König. Henry ist also keinesfalls erfreut, dass seine Geldkuh sich ängstlich in der Burg versteckt, auf Staatskosten verköstigt wird und währenddessen die Schuldnerverzeichnisse vom Mob entzündet werden.
Also lässt er von seinem Cousin aus Italien einen Geheimagenten und einen Arzt der Toten kommen. Der fähigste Totenleser in Salerno ist Adela, die von zwei jüdischen Ärzten aufgezogen wurde – eine Frau, die in England ihre Profession verbergen muss. Weiterlesen